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Kirtag

 

Aber für seinen letzten Schuss reicht ihm die Schießbudenfrau ein Lebkuchenherz. Sie hängt es ihm an einer langen Schnur um den Hals und gratuliert: »Du bist ein guter Schütze!« Xaverl ist enttäuscht. Ein Bär, selbst aus rosa Plüsch, wäre ihm lieber gewesen. Die Mädchen umringen ihn und bewundern das Herz. Xaverl schielt auf seine Brust hinunter. Das Lebkuchenherz ist sehr groß, hat einen Schnörkelrand aus Mohn. Die Mutter sagt, zwei Stunden Kirtagsrummel sind mehr als genug, und geht heim. Der Vater sagt, die Blasmusik ist ihm viel zu laut, aber er setzt sich unter die Linden und trinkt noch ein Krügel Bier. Er brummt, weil Xaverl ihn schon wieder um Kleingeld bittet, doch Kirtag ist nur einmal im Jahr, damit hat Xaverl ja recht ... Xaverl braucht sehr viel Kleingeld an diesem Tag: für das Ringelspiel, für eine Riesengurke, fürs Ponyreiten, für noch eine Riesengurke, fürs Autodrom und schließlich noch für die Schießbude. Viele Kinder sehen Xaverl beim Schießen zu und das freut ihn. Er schießt eine blaue Rose, die schenkt er der kleinen Heidi. Er schießt einen winzigen rotweißen Rettungsring, den schenkt er dem Paul für den Fall, dass er beim Schwimmen aufs Schwimmen vergisst. Die Mädchen kichern, Paul schnaubt durch die Nase, denn Xaverl ist beim Schießen viel besser als er. Nun möchte Xaverl noch gern einen Bären schießen. zu Xaverl gesagt: »Nur weil du stärker bist, kannst du mich zwingen ...!« Da hat der Xaverl einen Stich in der Brust gespürt. »Es war gemein von mir«, sagt Xaverl, »nur war mir das im Moment nicht klar. Ich war nur zornig, weil er sich so gewehrt hat ...« »Mein lieber Xaverl«, sagt Gott. » Hör zu«, sagt Xaverl schnell. »Der Hans wäre gern mit mir Autodrom gefahren, aber ich hab so getan, als würd ich's nicht merken. Ich fahre lieber allein ...« »Xaverl, ich mag dich«, sagt Gott. »So, wie ich bin?« hellblauem Zuckerguss und ist mit Marzipanrosen verziert. In seiner Mitte prunkt eine Zuckerschrift: Dir g'hör ich! »Ist das aber schön!«, sagt Martina. »So richtig zum Weiterschenken!«, sagt Lisi. »Man muss lachen, wenn man es sieht“, sagt Sabine. Wenn die Aufschrift nicht wäre, denkt Xaverl, könnte ich es gleich herschenken, aber so ... Auf einmal hält er es nicht mehr aus, dazustehen mit einem Lebkuchenherz um den Hals. Er brummt: »Drei Stunden Kirtag sind mehr als genug!«, und rennt weg. Wo ist ein stiller Platz zum Ausruhen, Gurkenverdauen und Nachdenken? Xaverl geht in die Kirche hi nein und setzt sich auf eine Bank. Hier hört man die Blasmusik nur noch ganz leise, gedämpft. » Lieber Gott«, sagt Xaverl, »da bin ich.“ Und er wird still, ganz still, damit er hören kann, was Gott ihm antwortet. »Mein lieber Xaverl«, sagt der liebe Gott. » Lieb - ich weiß nicht«, brummt Xaverl und denkt an die letzten Stunden. Da ist manches geschehen, was ihm nun, wenn er nachdenkt, gar nicht gefällt. Er hat den Toni gepackt und zu sich ins Flugzeug im Ringelspiel gesetzt, er hat ihn hereinzerren müssen, denn der Toni wollte nicht fahren. »Sei nicht so fad«, hat Xaveri geschrien, »das ist doch lustig«, aber dem Toni ist schlecht geworden. Er hat geweint und hat hinterher »So, wie du bist.« »Ich mag mich heute nicht besonders«, sagt Xaverl. »Zuletzt war da noch die Sache mit diesem Lebkuchenherz. Ich hab nicht gewusst, was ich tun soll. Ganz komisch und blöd bin ich mir vorgekommen ... Na rate einmal, wer das Herz von mir geschenkt haben wollte!« »Die Martina, die Lisi und die Sabine«, sagt Gott. »Die Sabine auch? Das hab ich gar nicht bemerkt ...« Xaverl hebt das Herz in die Höhe und streift sich die Schnur ab. »Ich weiß nicht, wohin damit. Möchtest du's haben? Ich lass es dir da, lieber Gott. Irgendwo in einem finsteren Winkel häng ich's dir auf. » Vielleicht hinter den Fahnenstangen«, sagt der liebe Gott. »Und wenn du weißt, wem du es schenken willst, kannst du kommen und es dir holen.« 

 

 

 

 

Ein schöner Tag

 

Im Waldbad versuchen Xaverl und Hans, der kleinen Heidi die Angst vor dem Wasser zu nehmen. »Spring nur, ich fang dich auf!«, sagt Xaverl. Heidi steht wippend am Beckenrand. An ihren Armen leuchten die Schwimmflügel in hellem Orange. Heidi kommt Xaverl vor wie ein Vogelkind, das am Nestrand hockt und gern fliegen möchte. Endlich springt Heidi in Xaverls Arme und kreischt, weil das Wasser nach allen Seiten spritzt. Später wagt sie es, sich auf Xaverls Rücken zu legen und sich tragen zu lassen, während er langsam ganz nahe am Rand schwimmt. Xaverl spürt, dass sie Angst hat. Ihre Arme liegen wie Klammern um seinen Hals. »Hast du noch Kraft für uns beide?«, flüstert sie in sein Ohr. »Kraft wie ein starker Bär«, sagt Xaverl. »Außerdem kann ich hier stehen, es ist nicht tief.« Heidi beruhigt sich, nun fasst sie ihn locker nur an den Schultern und ihre Beine plitschen und platschen neben seinen Hüften ins Wasser. >>Xaver, kannst du auch eine Kurve schwimmen?« Xaverl versteht, was sie meint. Er schwimmt einen kleinen Bogen und gleich wieder hin zum schützenden Beckenrand. Dort zeigt er Heidi, wie sie sich an der Stange halten und mit den Beinen üben kann. »Und noch einmal, Heidi, und noch einmal!« »Gelt, wir beide brauchen halt Geduld füreinander«, sagt Heidi und zu ihrem Bruder sagt sie: »Das nächste Mal gehen wir wieder mit ihm. Der Xaver gefällt mir.« Sabine lädt Xaverl auf ihr Badetuch ein, »Schau nur, wie groß es ist. Groß genug für zwei Kinder.« Auf dem Badetuch ist ein Schiff zu sehen, das segelt mit roten Segeln auf einen Leuchtturm zu. Sabine liegt auf dem Segelschiff, Xaverl liegt auf dem Leuchtturm. Er denkt sich eine Geschichte aus, von Seeräubern auf einem Segelschiff mit blutroten Segeln. Sabine neben ihm schweigt und schaut in den Himmel. »Du bist mir doch nicht böse, weil ich nichts rede?«, fragt Xaverl, nachdem die Seeräuber vom Wächter des Leuchtturms gerettet worden sind und im Wächterstübchen Kakao mit Schlagobers schnabulieren. »Warum soll ich böse sein?«, fragt Sabine. »Miteinander still sein kann auch ganz schön sein.« Der Schlagoberskakao, den die Seeräuber aus großen bunten Krügen getrunken haben, erinnert Xaverl an Tante Steffi. Niemand kocht Kakao besser als sie. Xaverl lädt Sabine zu Tante Steffi ein. »Was, jetzt, einfach so?«, fragt Sabine. »Wirst sehen, für die ist das gar kein Problem!«, sagt Xaverl. Tante Steffi freut sich, weil die Kinder sie beim Bügeln stören und sie vom Bügeln an diesem Tag sowieso schon genug hat. » Kakao nach dem Schwimmen - eine prima Idee!«, ruft sie und nimmt drei große bunte Becher aus ihrem Schrank. »Freundschaftsbecher« heißen sie, erfährt Sa bine von Xaverl, und sie sind kostbar und alt und es ist Wahnsinn, Kinder daraus Kakao trinken zu lassen. Aber Tante Steffi sagt, nur aus diesen Bechern ist Kakao ein Erlebnis. »Und Xaverls Freunde sind meine Freunde«, sagt Tante Steffi. Weil es bei Tante Steffi so schön und gemütlich war, will Sabine für Xaverl auch etwas Besonderes tun. Sie nimmt ihn mit zu ihrem Großvater. Der hat vor ein paar Wochen einen Hund aus dem Tierheim geholt. Der Hund ist noch scheu, man muss ihm erst zeigen, dass Menschen auch gut sein können. Wer weiß, was der Hund Schlimmes erlebt hat. Sabine spricht lange und sanft mit dem Hund. »Struppi, jetzt schau dir den da an! Das ist der Xaver, dem kannst du vertrauen, das ist ein Lieber, ja ja, ein Lieber!« Der Hund schaut Xaverl an und bellt und als Xaverl ihm die Hand hinhält, schnuppert er an Xaverls Fin gern. Beim Abschied begleitet er die Kinder bis zum Haustor. »Na schau«, sagt der Großvater froh. »Es wird schon.« »Das war ein schöner Tag«, sagt Xaverl am Abend zum lieben Gott. »Nur du hast nicht reden wollen mit mir! Den ganzen Tag hab ich nichts von dir gehört!« » Also das stimmt nicht«, erwidert der liebe Gott. »Ich habe sehr oft zu dir gesprochen, mit vielen verschiedenen Stimmen.« » Mit verschiedenen Stimmen?«, fragt Xaverl. »Ja«, sagt der liebe Gott. »Denk nur nach. Du hast meine Stimme in vielen Stimmen gehört.« Xaverl denkt nach und flüstert »Aha!« und »Ah so!«. An alles erinnert er sich. » Einmal hast du sogar gebellt«, sagt Xaverl.

Der Ausblick

 

Xaverl schnauft vor Anstrengung, aber er steigt die letzten Meter zum Gipfel hinauf. Ein schwarzer Vogel kreist am Himmel und schreit. Weiter unten am Weg, den der Vater langsam, langsam heraufsteigt, kollern die Steine. Und doch ist es still hier oben, feierlich still und ruhevoll. Xaverl zieht seine Wanderschuhe und die Wollsocken aus. Er will den weichen Almboden unter den Füßen spüren. Gelbe und weiße Sternblumen blühen winzig klein an kurzen, dicht beblätterten Stängeln. Xaverl schaut über das Nebeltal zu den Bergen hinüber. Die Berge sind blaue, gewellte Bänder, ein Band nach dem andern. Wie weit sie reichen, wie weit! Xaverl atmet die Luft in tiefen Zügen. Er bohrt seine Zehen ins Gras. Er schaut und schaut. »Lieber Gott, ist das schön hier!« »Bitte«, sagt Gott, »nimm dir, so viel du magst.« 

 

 

 

 

 

Das Nest

 

Von Weitem kann Xaverl das Zetergeschrei der jungen Schwalben hören. Sie schreien aus vollem Hals, sooft die Eltern mit Futter ankommen. Xaverl schaut zu, wie die alten Schwalben ihren Kindern Mücken und winzige Käfer tief in die aufgesperrten Schnäbel stopfen. Kaum sind sie weggeflogen, ducken sich die Kleinen still ins Nest, und nur ihre runden dunklen Köpfe sind im Schlupfloch zu sehen. Die Schwalbeneltern sind unermüdlich. Es stört sie nicht, dass Xaverl vorm Presshaus sitzt und ihnen beim Füttern zuschaut. Xaveri freut sich schon auf das nächste Wochenende. Bis dahin werden die Jungen wieder ein Stück gewachsen sein und ihr Geschrei wird noch lauter und schriller sein. In dieser Juniwoche wird es regnerisch und bitter kalt. Unaufgefordert zieht Xaverl den warmen Pullover an. Für den Besuch beim Bauern steckt er die Regenjacke ein. Den ganzen Weg zum Presshaus hinauf wartet er auf das Zetern und Rätschen der jungen Schwalben. Aber er hört keinen Laut. Das Nest hängt unter dem Dach wie immer, aber nichts regt sich darin. Xaverl läuft zum Bauern und fragt, was mit den jun gen Schwalben geschehen ist. »Die Kälte ist schuld«, sagt der Bauer. »Da haben die Alten nicht genug Futter gefunden. »Ja, aber ...«, sagt Xaverl und kann es nicht verstehen. » Wo sind sie denn hin, die Kleinen?« »Sie sind verhungert“, sagt der Bauer. »Die Eltern haben die toten Jungen aus dem Nest geworfen, eins nach dem andern. Schau, jetzt bauen sie ein neues Nest für die zweite Brut!« Xaverl schaut zum Dach hinauf; ja wirklich, dort wächst aus Schlamm und Halmen ein neues Nest, zwei Schwalben tragen emsig den Baustoff heran. »Verhungert ...«, flüstert Xaverl. » Bei solchem Wetter«, sagt der Bauer, »und wenn's keine Mücken gibt - ja, was soll man da machen. Es ist halt der Lauf der Welt. Still steigt Xaverl zum Weinberg hinauf, vorbei an den Gärten, in denedie Rosen blühen. Hier bei dem Gitterzaun hat er im Herbst den lieben Gott lachen gehört. » Lieber Gott«, sagt Xaverl. »Du bist nicht lieb. Ich versteh nicht, wie sie dich lieb nennen können. Du hast die Schwalben verhungern lassen. Du hast nicht genug Mücken gemacht - und dabei kannst du doch alles!« Er horcht, ob Gott ihm antworten will; aber in seinem Inneren ist alles so laut und durcheinander, dass er nichts hören kann. Er stellt sich die kleinen Schwalben vor, wie lebendig und frech sie waren mit ihren aufgesperrten Schnäbeln. » Warum«, fragt Xaverl, »muss überhaupt etwas sterben, was vorher so schön und lebendig war? Auch die Mücken müssen sterben, weil die Schwalbenkinder hungrig sind, und wenn die Katze ein schwaches Schwalbenkind findet, frisst sie es auf.« Die Welt, denkt Xaverl auf einmal, und ihn fröstelt bei dem Gedanken, die Welt ist voll Sterben, wenn man genauer hinsieht. Ihm fällt ein, was er im Fernsehen hat anschauen müssen, an vielen Abenden. »Du, hörst du mich nicht?«, schreit Xaverl. »Ich bin da. Ich höre dich.« »Ich versteh nicht, warum es so viel Trauriges gibt. So viel Leid. Warum du das zulässt.« »Verstehen kannst du das nicht, Xaverl. Leiden und Trauern gehören zum Menschsein dazu. Wie Freude und Feste feiern.« »Ich will aber den Grund wissen, warum das so ist. Ich will dahinterkommen!« »Solange du auf der Welt bist und alles mit Menschenaugen siehst, wirst du nicht dahinterkommen, Xaverl.<< »Gut, wenn du meinst. Dann gib mir deine Augen!« »Ich werde dir meine Augen geben -, wenn es so weit ist.« Xaverl wird still, ganz still. Er stellt sich vor, wie das sein wird, mit Gottes Augen zu sehen. Alles zu sehen. Nichts kann verloren gehen. Das neue Nest fällt ihm ein. Die zweite Brut. Wenn auch die verhungert ... »Was können denn so kleine Vögel noch alles fressen?«, fragt Xaverl. »Du hast doch ein Buch über Tiere. Warum schaust du nicht nach?«, fragt Gott. Zu Hause holt Xaverl das Buch aus dem Regal. Er liest, was über die jungen Schwalben geschrieben steht: »In kalten Sommern füttert der Tierfreund die jungen Schwalben mit frischen Ameiseneiern.« »Ha«, schreit Xaverl, »Und woher nimmt man Ameiseneier, wenn man keinen eigenen Ameisenhaufen hat?« Zornig rennt er im Zimmer hin und her. Dann kommt ihm die Tante Renate in den Sinn. Die hat sich mit Tieren immer gut ausgekannt. Er sucht die Telefonnummer heraus und ruft sie an. Tante Renate versteht schnell, worum es geht. »Wenn man frische Ameiseneier nicht zur Hand hat«, sagt sie, »füttert man klein gehackte harte Eier und durch den Fleischwolf gedrehtes Kalbfleisch.« »Das nehmen sie?" »Meine haben es immer genommen«, sagt Tante Renate. »Man muss es ihnen mit der Pinzette nur tief genug in die Schnäbel stecken.« Xaverl bedankt sich. Was er nun erfahren hat, sollen möglichst viele Kinder erfahren. Er fängt an zu zeichnen und zu schreiben. Er setzt sich an den Computer. Er wird ein Informationsblatt an das Nachrichtenbrett in der Schule hängen. Er wird für die Kinderseite der Zeitung eine Geschichte schreiben. »Wie man junge Schwalben füttert, wenn es zu wenig Mücken gibt.« »Ach Gott, ach Gott«, jammert Xaverl, weil er sich dauernd beim Tippen irrt. » Aber jetzt geht's dir schon besser«, sagt der liebe Gott. »Mhm«, brummt Xaverl. Er hat jetzt keine Zeit. Er tippt mit zwei Fingern: »Sind keine Ameiseneier zur Hand …

 

 

 

 

Xaverl arbeitet im Weinberg

 

Die Maisonne glänzt in den Regenpfützen, die lehmige Erde ist aufgeweicht. »Die Eisheiligen sind durchs Land gezogen«, sagt der Bauer. Xaverl zieht seine Regenstiefel an, weil er dem Bauern im Weinberg helfen will. Die kleinen, frischen Triebe unten am Stamm der Weinstöcke müssen abgerissen werden. »Geiztriebe« heißen sie in der Weinbauernsprache, und das Abreiben nennt der Bauer »Abraubern«. Das Wort gefällt Xaverl. »Ein Weinstock soll ja kein Busch werden«, sagt der Bauer. »Man muss ihn immer wieder zurückschneiden. Nur wilder Wein darf wachsen, wie er will.« Xaverl hat schon eine lange Reihe Weinstöcke abgeputzt. Er reibt sich den Rücken. Über dem Weinberg fliegen Schwalben hin und her. Sie jagen nach Mücken. Manche Schwalben sausen auf den Boden herunter und picken kleine Erdklumpen auf. Die brauchen sie, um ihre Nester zu mauern, oder sie bessern das alte Nest damit aus. »Gibt's noch das Nest unterm Presshausdach?«, fragt Xaverl. »Freilich«, sagt der Bauer. »Meine Schwalben brüten schon,« Xaverl freut sich. »Und jetzt raubere ich die zweite Reihe ab«, sagt er. Er findet es schön, dass alle arbeiten, Menschen und Schwalben. Er schwitzt. Er spürt, dass er müde wird. Aber auch das ist ein gutes Gefühl. Jetzt weiß er, wie fest er gearbeitet hat. Der Bauer holt Brot und Speck aus dem Auto. Xaverl zieht die Stiefel aus. An den Weinberg grenzt eine Wiese mit blühendem Löwenzahn. Das Gras ist warm von der Sonne. Xaverl liegt satt und zufrieden mitten im Löwenzahn. Er schaut in den Himmel hinauf. Hoch oben jagen die Schwalben. »Du, lieber Gott«, denkt Xaverl und fragt nicht einmal, ob Gott da ist. Denn wo soll er sonst sein als hier im Weinberg, bei den Schwalben und im sonnigen Löwenzahn, ganz nahe bei Xaverl. »Du, das ist schön, dass es dich gibt!« Er dehnt und streckt seine Arme. »Und dass es mich gibt, ist auch schön!«

 

 

 

 

Xaverl findet eine Geschichte

 

In einem Buch findet Xaverl die Geschichte vom alten Mose, der mit Gott sprechen durfte wie ein Freund mit dem anderen. Und wenn er mit Gott, seinem Freund, gesprochen hatte, leuchtete sein Gesicht. Die Menschen sahen das Licht, das von Moses Gesicht ausstrahlte, und fürchteten sich, in seine Nähe zu kommen. Da verhüllte Mose sein Gesicht mit einem Schleier. »Oh«, sagt Xaverl, »man sieht's einem an, wenn er viel mit dir spricht und dein Freund ist.« Beinah erschrickt er. Was ist, wenn auch sein Gesicht anfängt zu leuchten? Werden sich alle fürchten, in seine Nähe zu kommen? Xaverl geht ins Badezimmer und schaut in den Spie gel. Sein Gesicht ist wie immer, schon ziemlich braun von Sonne und Wind, mit ein paar dunklen Sommer sprossen auf Nase und Wangen. Nichts leuchtet, gar nichts. Fast ist Xaverl enttäuscht. Ein kleines, ganz kleines Leuchten hätte ihn nicht gestört. Ein Zeichen dafür, dass er Gottes Freund ist. Xaverl holt Atem. Erst der Schreck, dann die Enttäuschung. Kein Wunder, dass er jetzt Hunger hat, er fühlt sich inwendig leer und schwach. Er geht in die Küche. Vom Garten her hört er Stimmen. Er schiebt das Fenster einen Spaltbreit auf. Die Mutter redet mit der alten Bäckerin, die über den Zaun auf das Kräuterbeet schaut. »Ja, ja«, sagt die Mutter. »Es ist schon praktisch, das Kräuterbeet. Der Bub hat es mir zum Muttertag geschenkt und schon Wochen vorher hat er daran gewerkt und gesägt und gegossen und ich hab nie hin schauen dürfen.« »Mit Ihrem Xaver können Sie schon zufrieden sein«, sagt die Bäckerin. »So ein liebes Kind. Und so fröhlich. Er hat etwas Strahlendes.« »Ja ... doch ...“, sagt die Mutter nachdenklich. » Manchmal schon.«

 

 

 

 

 

Die Hundehütte

 

Im Zaun zum Nachbargarten ist eine Lücke, gerade so breit, dass Xaverl durchschlüpfen kann. Gleich hinter dem Zaun, zwischen den Fliederbüschen, steht eine Hundehütte. Sie wird seit Jahren nicht mehr gebraucht. Der Nachbar hat zu Xaverl gesagt: »Ich reiße sie ab - außer, du hättest sie gern zum Spielen.« »Nicht abreißen!«, hat Xaverl gebeten. Zum Spielen braucht er sie nicht, die Hundehütte. Nur zum Alleinsein. Hier schaut ihm niemand zu, wenn er nachdenken will Hier ist ein gutes Versteck, wenn er traurig ist. Der Fußboden ist aus Holz, eine harte Unterlage für Xaverl, wenn er sich auf den Rücken rollt und die Beine gegen die Wand stemmt. Über manches kann er hier besser nachdenken als zu Hause im weichen Bett. An diesem Tag aber will Xaverl nicht einmal nachdenken. Er will nicht dran denken, wie die Kinder ihn ausgelacht haben, nur weil er beim Schulfest so falsch gesungen hat." Er will nicht dran denken, dass er vergessen hat, für Lisi die Puppenstubensessel zu basteln. Er will nicht darüber grübeln, woran es liegt, dass ihm diesmal rein gar nichts gelungen ist. Er kommt sich müde und klein und jämmerlich vor, zu nichts zu gebrauchen. Er will sich nur ausruhn. »Lieber Gott«, sagt Xaverl. »Bist du da?« »Ja, ich bin da«, sagt der liebe Gott. »Ich wäre jetzt aber viel lieber allein«, sagt Xaverl. »Ich halt's im Moment nicht aus, dass da einer bei mir ist und etwas will von mir und mich festhält.« »Ich halt dich nicht fest«, sagt der liebe Gott. »Ich störe dich nicht. Ruh dich nur aus, ich halt derweil die Hundehütte,« 

 

 

 

 

Xaverl will gewinnen

 

Xaverl mag den Schwimmunterricht im Hallenbad. Er mag das Gefühl, so geschwind wie ein Fisch zu sein. Er spürt gern die Kraft in seinen Armen und Beinen. Und er hört es gern, wenn die Lisi sagt: »Im Brustschwimmen ist der Xaver schon fast so gut wie der Paul.« Paul ist der beste Schwimmer der anderen Klasse. Beim Wettschwimmen ist er Erster geworden, aber Xaverl war nur um eine Armlänge hinter ihm. Beim nächsten Wettschwimmen will Xaverl gewinnen. »Du schaffst es bestimmt!«, sagt Lisi. »Üb noch den Startsprung und üb noch das Wenden. Darin ist der Paul noch besser als du!« Xaverl übt den Startsprung. Er muss den günstigsten Winkel finden, bei dem das Wasser seinem Körper den geringsten Widerstand bietet. Und beim Wenden muss er so nahe wie möglich an die Beckenwand heran, damit der Abstoß kräftig ausfällt. Xaverl stellt sich vor, wie es sein wird, wenn er gewinnt. Vielleicht ist er zwei, drei Tempi vor Paul. Paul wird Augen machen und das geschieht ihm schon recht, dem Paul. Weil er immer schreit: »Ich bin der Beste!« Und weil er gesagt hat, dass die Lisi an Land zwar ganz lieb, aber im Wasser unmöglich ist. Xaverl stellt sich vor, dass er beim Wettschwimmen so schnell ist, dass er vor Paul aus dem Becken steigt. Lisi reicht ihm ein Handtuch, Xaverl reibt sich ab und sagt zu Paul, der verdutzt aus dem Wasser klettert: »Ärger dich nicht. Man kann nicht immer der Beste sein!« Xaverl übt und es fällt ihm auf, wie Paul ihn nachdenklich von der Seite ansieht. Das nächste Wettschwimmen ist für Freitag angesetzt. Xaverl freut sich schon darauf. Nur schade, dass die Lisi nicht dabei sein kann. Sie hat Röteln bekommen, leider, und wird nicht mit ansehen, wie Xaver! gewinnt. Sie wird im Bett liegen und schimpfen wie ein Spatz und Xaverl die Daumen halten. Am Freitagvormittag wundert sich Xaverl, wie lang sam die Zeit vergeht. Die Religionsstunde will kein Ende nehmen. Das Aufsatzschreiben in der zweiten Stunde ist so langweilig wie noch nie. Xaverl gähnt. Ihm ist heiß und sein Kopf ist schwer. Wenn es nur schon Nachmittag wäre! Langsam schreibt er den letzten Satz. Sabine sammelt die Hefte ein. Sie schaut Xaverl an und ruft: »Na, so etwas! Und ausgerechnet heute!« »Was ist los?«, fragt Xaverl »Na, schau in den Spiegel«, sagt Sabine. Die Lehrerin wird aufmerksam. »Oje, Oje! Armer Xaverl! Du hast Röteln bekommen! Du gehörst ins Bett!« Xaverl sieht im Spiegel die roten Flecken in seinem Gesicht. »Aber das Wettschwimmen ...«, stammelt er. »Tut mir leid, wirklich«, sagt die Lehrerin. »Aber du darfst doch die anderen Kinder nicht anstecken! In der Parallelklasse sind bis jetzt noch keine Röteln. Xaverl, pack deine Sachen! Ich rufe deine Mutter an, dass sie dich abholt!« Xaverl sagt, dass es ihm sehr gut geht und er allein heimgehen kann. Er will mit niemandem reden. Er will nicht mit anhören, wie leid er allen tut. Er will auch nicht mit der Mutter reden, die ihn abholt und nach Hause bringt. Er geht sofort ins Bett, kriecht unter die Decke und atmet tief, damit die Mutter glaubt, dass er gleich eingeschlafen ist. »In ein paar Tagen ist alles wieder gut«, sagt die Mutter und lässt Xaverl allein. Ja, denkt er, aber das Wettschwimmen. Paul wird gewinnen. »Lieber Gott“, sagt er unter der Decke. »Wenn Röteln schon sein müssen, warum gerade heute? Den langweiligen Aufsatz lässt du mich schreiben, aber zum Wettschwimmen lässt du mich nicht! Weißt du, wie ich mich kränke?!« »Du hättest heute so gern gewonnen«, sagt der liebe Gott. »Ich hätte doch Chancen gehabt - oder?«, fragt Xaverl. »Natürlich«, sagt der liebe Gott. »Den Startsprung kannst du wirklich gut und das Wenden geht auch schon viel besser.« »Eben«, weint Xaverl. »Und du verpatzt mir das Gewinnen.« »Ich verstehe, dass du enttäuscht bist«, sagt der liebe Gott. » Aber solche unangenehmen Dinge haben oft auch eine gute Seite.« »Wenn du meinst«, brummt Xaverl. »Da bin ich aber gespannt. Im Moment sehe ich keine gute Seite. Gar keine.« Er beschließt, an diesem Tag nichts mehr mit dem lieben Gott zu reden. Er ist auch viel zu müde dazu. Er schläft ein. Am frühen Abend - das Wettschwimmen ist längst entschieden und bestimmt hat Paul gewonnen - bekommt Xaverl Besuch. Zuerst hört er die Stimmen im Vorzimmer. » Aber wenn du dich ansteckst ...« sagt die Mutter »Na, dann steck ich mich halt an«, antwortet eine Bubenstimme. Und schon kommt Paul ins Zimmer he rein. Xaverl setzt sich im Bett auf. »Du bist's. – Hast du gewonnen?« »Ich hab gewonnen«, sagt Paul. »Aber lieber wäre mir schon gewesen, wenn du hättest mitschwimmen können. Jetzt weiß ich nicht genau, ob ich wirklich der Beste bin. Blöde Röteln! Also, das wollte ich dir sagen.« >> Vielleicht gibt es wieder ein Wettschwimmen«, sagt Xaverl. »In vierzehn Tagen«, sagt Paul. »Oder später, wenn du eben wieder ganz gesund bist. Mein Bruder ist Schwimmer bei den Junioren. Er schwimmt erstklassig. Er wird mich trainieren.« »Aha«, sagt Xaverl. »Du kannst mittrainieren, wenn du magst«, sagt Paul. »Das richtige Wenden mit Rolle, das klappt bei dir ja auch noch nicht.« » Mittrainieren«, sagt Xaverl. »Na ja. Warum eigentlich nicht?« 

 

 

 

 

Xaverl beschwert sich

 

Xaverl steht vor der Tür zum Wohnzimmer und tritt von einem Bein auf das andere. Da drinnen streiten sie. Und wie sie streiten! Die Mutter sagt: »Nicht einmal den kleinsten Handgriff ...!« Der Vater sagt: »Diese ewige Nörgelei ...« Die Mutter sagt: »... wie den letzten Dreck!« Der Vater sagt: » ... nichts als Vorwürfe!« Ihre Stimmen werden laut und böse. Xaverl flüchtet in sein Zimmer. »Lieber Gott«, sagt er, »bitte mach, dass sie aufhören!« Und dann wird er still, ganz still, damit er hören kann, was der liebe Gott ihm antwortet. Der liebe Gott antwortet nichts. »Du«, sagt Xaverl, »hörst du mich? Mach, dass sie aufhören! Ich halte das nicht aus! Mach, dass sie friedlich sind!« Aber der liebe Gott antwortet nicht. »Du«, sagt Xaverl, während ihm die Tränen über die Wangen rollen, »warum tust du nichts? Du musst jetzt was tun! Du musst!« Er horcht mit aller Kraft, aber der liebe Gott schweigt. Xaverl steigt ins Bett und zieht die Decke über die Ohren, damit er den Streit aus dem Wohnzimmer nicht mehr hört. »Ich versteh dich nicht, lieber Gott! Ich bin ganz furchtbar enttäuscht von dir!« Und er hält den Atem an, damit er hört, was der liebe Gott ihm jetzt sagen wird. Denn wenn sich der Xaverl so bitter bei ihm beschwert, dann kann der liebe Gott doch nicht schweigen. Der liebe Gott schweigt. Xaverl wartet und weint und wartet. Dann hält er es nicht mehr länger aus im Bett. Auf bloßen Füßen läuft er ins Wohnzimmer. Die Eltern streiten noch immer »Hört doch auf!«, sagt Xaverl. »Ich bin so traurig, wenn ihr streitet. Ich hab Angst, dass ihr euch scheiden lasst, wie die Eltern von der Monika.« » Also jetzt mischt sich der Fratz auch noch ein!“, ruft der Vater. »So ein Blödsinn! Wer redet denn von Scheidung!«, ruft die Mutter. »Mir ist lieber, ihr schimpft beide zusammen mit mir, als dass ihr so böse aufeinander seid!«, schluchzt Xaverl. »Wir sind nicht böse aufeinander, wir haben nur eine kleine Meinungsverschiedenheit«, brummt der Vater. »Wohin kommt man denn, wenn man nicht einmal mehr in Ruhe streiten darf«, sagt die Mutter mit einem kleinen Schimmer ihres gewohnten Lachens in den Augen. »Verroll dich ins Bett, Xaverl, und zwar sofort!« Xaverl geht. Er gähnt laut vor Müdigkeit. Mit einem tiefen Seufzer kriecht er unter die Decke. »Das hast du gut gemacht«, sagt der liebe Gott. »Mhm«, kommt es unter der Decke hervor. Aber viel leicht sind es auch nur zwei tiefe Atemzüge gewesen.

 

 

 

 

Xaverl überlegt es sich

 

Auf dem Schlittenhügel drüben weint ein Kind. Viel leicht ist ihm kalt oder sein großer Bruder fährt zu schnell oder es will auch einmal Steuermann sein, und die anderen lassen es nicht. Xaverl horcht - und er hört es tief in sich mitweinen. »Du, lieber Gott«, sagt Xaverl, »nimm mir das bitte weg!« »Das, was du Echo nennst?«, fragt der liebe Gott. »Ja. Bitte!«, sagt Xaverl. »Überleg es dir noch ein bisschen«, sagt der liebe Gott. »Gut, wenn du meinst«, sagt Xaveri. Vom Dach des Schuppens hängen Eiszapfen. Sie schimmern weiß und haben fast durchsichtige Spit zen. Sie sehen aus, als könnten sie klingeln und klingen, wenn man den Fingernagel ganz zart gegen sie stippt. Xaverl stippt seinen Finger gegen einen Eiszapfen. Der Zapfen bricht ab und fällt und zerschellt klirrend auf dem Boden. Xaverl schaut betroffen drein. Irgendwo in ihm drinnen geht es auch klirr, klirr, klirr. Xaverl horcht in sich hinein. »Als hätt ich ein Echo da drinnen«, sagt er. Zwei Krähen streiten um einen Apfelbutzen. Eine dritte Krähe kommt geflogen und jagt die anderen mit scharfen Schnabelhieben fort. »Au weh, au weh«, macht es irgendwo drinnen im Xaverl. »Ich hab ein Echo da drinnen«, sagt Xaverl erschrocken. Er geht ins Haus und in die Küche zur Mutter. Die Mutter lacht über das ganze Gesicht. »Noch nie ist mir ein Apfelstrudel so gut gelungen«, sagt sie. »Da, koste einmal!« Xaverl spürt das Lachen tief drinnen in seinem Bauch und es wird ihm warm und wohlig, noch bevor er das erste Stück Strudel im Mund hat. Auch der Vater kostet den Apfelstrudel. »Mmmm«, sagt er zur Mutter, »du bist meine Lieblingsköchin«, und er beugt sich zu ihr hinunter und gibt ihr einen Kuss. » Mmmm«, macht es drinnen im Xaverl, wie eine dicke Katze, die schnurrt, und dabei ist es nur der Kuss, den der Vater der Mutter gegeben hat. »Lieber Gott«, fragt Xaverl am Abend im Bett, »kann ich mir aussuchen, wann ich das Echo haben will und wann nicht?« Und dann wird er still, ganz still, damit er hört, was der liebe Gott ihm antwortet. »Du kannst es dir nicht aussuchen«, sagt der liebe Gott. » Entweder es klingt überall mit oder du deckst es so fest zu, dass es nirgends mitklingen kann.« »Es soll mitklingen, bitte«, sagt Xaverl. »Ich hab es mir überlegt.« 

 

 

 

 

Xaverl und das Lied vom Jubeln

 

In der Weihnachtsmette hört Xaverl ein Lied, über das er viele Tage lang nachdenken muss. Er hat auch nicht alles verstanden, was der Chor da gesungen hat, aber so viel doch: Der Himmel, der soll sich freuen, und die Erde soll jubeln, wenn Gott kommt. Das Meer soll aufbrausen vor Jubel, und alles, was im Meer schwimmt und lebt. Die Bäume im Wald sollen jubeln, wenn Gott kommt ... » Aber du bist doch schon da«, sagt Xaverl zum lieben Gott. Und dann wird er still, ganz still, damit er hören kann, was der liebe Gott ihm antwortet. »Ja«, sagt der liebe Gott, »ich bin da.« »Na, und jubeln sie?«, fragt Xaverl. »Ja«, sagt der liebe Gott. »Ich habe noch nie einen Baum jubeln gehört«, sagt Xaverl. »Vielleicht sind meine Ohren dafür nicht fein genug ... » Deine Ohren sind fein genug«, sagt der liebe Gott. dann auf, den Stamm entlang nach oben. Xaverl freut sich. Er denkt: Ich juble mit meinem Atem. Er spürt den Baum an seiner warmen Haut. »Servus, du, Baum«, sagt Xaverl, »ich glaube, da drinnen jubelst du mit.« »Und außer den Ohren hab ich dir noch Augen gege ben und eine Nase und Fingerspitzen und überhaupt sehr viel Haut. Das musst du alles verwenden.« »Gut, wenn du meinst«, sagt Xaverl. »Dann geh ich jetzt und höre zu von Kopf bis Fuß.« Er stapft die Straße entlang und einmal um den Marktplatz herum und zurück in den Garten. Er spitzt die Ohren, er streckt die Nase hoch in die Luft, er macht die Augen auf, damit ihm nur nichts entgeht von dem großen Jubel. Und wirklich: Die dunkle Wolke am Himmel jubelt mit hellem Rand. Das Bäckerhaus jubelt mit warmem Rauch und dem Duft nach frisch gebackenem Brot. Der Rauhaardackel vor dem Supermarkt jubelt mit seinem Schwanz. So viele Arten von Jubel Im Garten der Kastanienbaum mit seinen harten, kleinen rotbraunen Knospen - jubelt er auch? Xaverl zieht die Handschuhe aus und legt die Hände an den Stamm. Er presst sein Gesicht an die schwarze Rinde. Xaverl wartet. Er hört sich atmen und das ist schön. Ein und aus, ein und aus, die kalte Luft durch die Nase ein, die warme Luft durch den Mund hinaus. Die warme Luft wird zu kleinen Wolken. Die schweben einen Augenblick lang vor Xaverls Gesicht und steigen dann auf, den Stamm entlang nach oben. Xaverl freut sich. Er denkt: Ich juble mit meinem Atem. Er spürt den Baum an seiner warmen Haut. Servus Baum, sagt Xaverl, ich glaube da drinnen jubelst du mit.

 

 

 

 

 

 

 

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